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Nachgedacht

Die Macht der Worte

Von Stereotypen und etymologischen Querschlägern, die den Konjunktiv zum Konjunktiv degradieren
Ohnmacht

Medien arbeiten mit Worten. Sie nutzen die Macht der Worte. Ja, das tut jeder, der etwas zu berichten hat. Außer der besondere Typus Mensch, der Buchstaben tanzt und dabei freudig taumelnd in die Hände klatscht. Der lässt Pfunde sprechen. Hoppla! Um den geht es aber heute nicht.

Schlagzeilen oder exponierte Zitate sollen eigentlich den Rezipienten in Sekundenschnelle informieren, also aus dem Lateinischen „informare“ hergeleitet „bilden, unterrichten, in Kenntnis setzen“. Als die lateinische Sprache so rund ein halbes Jahrtausend vor Christus zum ersten Mal niedergeschrieben wurde, gab es die Notwendigkeit von Verkaufszahlen bzw. Klickraten noch nicht. Auch würde man nicht unbedingt in Betracht gezogen haben, dass sich nur schlechte Nachrichten gut verkaufen lassen, frei mach dem Motto „Only bad news are good news“.

Die Zeit, als noch Tauben und Boten reisten

Seit 2020 hat die ursprüngliche Form von Information sein Hehrsein weitestgehend verloren. Blättern wir mal nur ganz kurz ein paar hundert Jahre zurück und stoppen in einer Zeit, als es noch keine Zeitungen geschweige denn Internet oder so was in der Art gab. Da flogen noch Tauben Informationen von A nach B, überbrachten Boten Nachrichten, die sie vorher auswendig gelernt hatten. Oder es gab den Herold, der Nachrichten des Herrschers an die Untertanen verlas.

Im Jahre 1650 hat Timotheus Ritzsch die erste Tageszeitung in Leipzig herausgegeben. „Ausgebaute Kommunikationswege und ein Netz von Korrespondenten machten erst die Bereitstellung aktueller Nachrichten möglich“, schreibt die Autorin Bettina Rüdiger auf der Seite der Stadt Leipzig (Link) 1642 besetzten die Schweden die mitteldeutsche Stadt und verboten Zeitungsdruck. Erst als die Schweden wieder weg waren bekam Timotheus Ritzsch das „kurfürstliche Privileg“ zum Zeitungsdruck für weitere zehn Jahre. Besonders interessant sind diesen beiden Sätze von Bettina Rüdiger: „Nicht nur die Zahl der Ausgaben beeindruckt, sondern auch die Qualität und Ausgewogenheit der Meldungen. Korrespondenten aus den wichtigsten europäischen Städten sorgten mit ihren Informationen für Aktualität und Vielfalt.“

Macht der Worte: Jede Sekunde zählt

Springen wir wieder zurück in das Jetzt. Aktualität und Vielfalt vermisst man seit Jahren in den Medien. Sagen wir so: Aktualität und Vielfalt sind zu einer willfährigen Sache verkommen. Und Schlagzeilen, die eigentlich informieren, also „bilden, unterrichten, in Kenntnis setzen“ sollen, er-schlagen eher. Warum ist das so? Der mediale, geldgierige Molloch braucht keine Boten mehr, die durchs Land laufen, braucht keine Brieftauben mehr, die Informationen übermitteln. Heute zählt jede Sekunde. Je schneller du mit einer neuen Information im Internet bist, desto mehr Klicks bekommst du, desto mehr Geld verdienst du, desto höher steigst du im Algorithmus der Suchmaschinen und Social Media-Netzwerken. Es ist nicht mehr ein Kampf um der Information willen, es ist ein Kampf um die Macht der Worte, den Mammon wecken.

Wäre ja eigentlich nicht so schlimm, könnte man sagen. Je schneller die Information draußen am Mann ist, desto besser für alle, da Information ja „bilden, unterrichten, in Kenntnis setzen“ soll. Ist das wirklich so? Ich denke nicht, denn bei so viel Information sieht der Mensch sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Macht der Worte: Am Beispiel Verschwörungstheoretiker

An einem Beispiel, das ich in aller gebotenen Neutralität hier darzustellen versuche, möchte ich einen Erklärungsansatz liefern, wie Wortwahl wirken kann, die nicht Information sondern Meinung liefert und was sie mit dem Menschen macht oder machen kann. Im Jahr 2021 schlugen Medien, sagen wir, „irritiert“ auf sogenannte „Verschwörungstheoretiker“ ein. Die Sendung Kontraste (ARD) titelte am 4. November 2011 „Wie Verschwörungsideologien Hass säen“. (Link im Web-Archiv) Der SWR 2 wusste am 18. März 2022 im Bezug auf „Verschwörungsmythen“ , was man tun soll, „wenn Familie und Freunde abdriften“. (Link um Web-Archiv) Das Magazin Brisant (ARD) findet man mit dem Beitrag „Die verrücktesten Corona-Verschwörungsmythen – darum sind sie falsch“ vom 20. Juli 2021 auch noch im Web-Archiv. Die sogenannte „Bundeszentrale für politische Bildung“ hatte dazu auch was zu sagen und kumulierte gleich mehrere Begriffe, über die man sich allerdings selbst seine Meinung bilden möge. (Link im Web-Archiv)

Schauen wir uns doch mal die Überschriften genauer an, also die primäre Information, die beim ersten Hinschauen transportiert werden soll bzw. könnte.

„Wie Verschwörungsideologien Hass säen“

Liest man „Hass säen“ ist der Gedanke an eine bekannte Stelle aus dem Alten Testament nicht weit. Je nach Übersetzung der Schriften lautet der Satz des Propheten Hosea (Israel, 8. Jh. v. Chr.) in etwa: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“ Die Überschrift könnte deshalb meines Erachtens implizieren, dass jemand, der nicht so denkt, wie die Allgemeinheit (der gemeine ARD-Zuschauer) vielleicht möchte, dass er denken soll, grundsätzlich und automatisch ein „böser Mensch“ im Sinne des Populus‘ sein muss. Denn wenn Meinung schon so böse ist, dass sie alleine deshalb, weil man sie denkt und sie vielleicht in Worten formuliert, in anderen wiederum zu etwas Bösem heranwachsen kann, muss man sich – um der vermeintlichen Gefahr zu entgehen – offenbar so weit wie möglich distanzieren.

Hielte man sich an Georg Wilhelm Friedrich Hegel, bekannt für die nach ihm benannte Hegelsche Dialektik, würde man sich vielleicht nach dessen Leitbildern orientieren. Hegel sagte: „Zuerst gibt es eine These, also den Leitgedanken, dann einen Widerspruch bzw. Antithese und schließlich die Synthese. Nach einiger Zeit wird aber die Synthese selbst wieder zur These und alles beginnt von vorne.“ Dr. Patrick Fritz hat sich auf seiner Seite fritz.tips mit dieser Thematik beschäftigt und schließt mit dem Fazit: „Für mich liefert die Hegelsche Dialektik ein wichtiges Entwicklungsprinzip. Fortschritt kann als Pendelbewegung gedacht werden. Auch wenn der Fortschritt noch so gering ist, jeder Ausschlag ins Extreme (…) kann Gutes bringen.“ Frage: Warum hat man die V-Menschen nicht einfach, frei nach Hegel, auch einmal zu Wort kommen lassen?

„Verschwörungsmythen – Was tun, wenn Familie und Freunde abdriften?“

Ob der SWR2 sich über die Etymologie des Wortes „Mythos“ im Klaren ist, würde ich bezweifeln. Das Wort „Mythos“ (in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache) beschreibt eine „Überlieferung aus der Vorzeit eines Volkes in Form von Dämonen-, Götter- und Heldensagen, zur Legende Gewordenes‘, Übernahme (Ende 18. Jh.) von griech. mȳ́thos (μῦθος) ‚Wort, Rede, Gespräch, Überlegung, Erzählung, Sage, Märchen“. Das Wort „Verschwörung“ bedeutet Komplott. Ein Komplott wiederum ist laut Duden eine „geheime Planung eines Anschlags gegen eine Regierung“. In Kombination bedeutet das also, dass jemand der Götter- und Heldensagen überliefert damit einen Anschlag auf eine Regierung plant? Gut, kann man sehen wie man möchte. Ich habe einfach nur eins und eins zusammengezählt.

Was die Überschrift in meinen Augen allerdings viel gefährlicher macht ist die Verbindung des V-Wortes mit der Selbstreflektion über das soziale Umfeld des Rezipienten. Das Wort „abdriften“ löst den negativen Trigger aus und könnte schließlich zu einer mentalen Spaltung mit sich selbst und seinem Umfeld führen. Die Folge: Depression, Isolation und vielleicht noch viel Schlimmeres.

Macht der Worte: Lauterbach warnt mehr als er beruhigt

Springen wir doch mal in die aktuelle Berichterstattung und betrachten wir den Duktus, also die charakteristische Art, wie Überschriften gestaltet und damit „Information“ verbreitet wird. Vorab aber noch mittlerweile ein Klassiker der Google-Abfrage: Sucht man nach „Lauterbach warnt“ findet man aktuell 1,7 Millionen Ergebnisse bei der Suchmaschinen-Abfrage. „Lauterbach beruhigt“ hingegen hat nur 770 000 Einträge. Bedeutet: der aktuelle Gesundheitsminister der Bundesrepublik Deutschland schürt augenscheinlich mehr Ängste als dass er die Menschen beruhigen würde. Sinnigerweise ist der erste Eintrag, den man bei der Suchanafrage „Lauterbach beruhigt“ findet, ein Artikel aus der Welt, die schreibt: „Karl Lauterbach beruhigt Deutsche: ‚Noch genug Klopapier da!'“. Bei der Welt läuft der Artikel unter „Satire“. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Jetzt aber zum Schluss noch die aktuelle Berichterstattung. Hierzu suchen wir bei Google nach „Nachrichten Deutschland“ und klicken auf „News“. Die Nachrichten-Inhalte an sich interessieren mich in meiner Betrachtung nicht wirklich. Ehrlich gesagt bin ich abgestumpft nach zwei Jahren der Thematik, deren Namen ich nicht mehr nennen möchte. Mir wurde medial zu oft „gedroht“, so dass ich irgendwann mal für mich entschieden habe, dass ich diese negativen Sachen nicht mehr an mich heran lasse. Und das hat mir gut getan, sehr gut getan. Wie vielen anderen Menschen auch.

Warnung! Bedrohung! Klima! Gasknappheit! Armut!

Nun aber wirklich zu den News für Deutschland. Ich picke mir einfach nur mal Wörter aus den Überschriften und tippe sie lose in die Zeilen:

  • Kolossale Probleme
  • Sanktionen
  • Nur eine Ersatzturbine
  • Bedrohung für Deutschland
  • Deutschland ist jetzt ein Waldbrandland
  • Hitzewelle in Deutschland
  • Klimaschäden
  • Klimawandel kostet Deutschland jährlich 6,6 Milliaren Euro
  • Millionen Impfdosen müssen in Deutschland vernichtet werden
  • Hitze erreicht Norden
  • Waldbrände wüten weiter (kleines Wortspiel … Haha)
  • Gasmangel
  • Personalmangel
  • Gasknappheit
  • Hitze-Alarm
  • Gas abgestellt
  • Arbeitgeberpräsident warnt
  • Faeser warnt
  • radikale Proteste
  • Energiepreise
  • Armut
  • Klimakrise
  • Gasreserven für „ein bis zwei Monate“
  • Über 200 Flüge in Italien wegen Warnstreik abgesagt
  • … und so weiter und so fort

Die Macht der Worte. Only bad news are good news. Wenn man das alles so liest könnte man meinen, dieses Land implodiert in der nächsten Sekunde. Ich erinnere an meinen Eingangssatz: Schlagzeilen oder exponierte Zitate sollen eigentlich den Rezipienten in Sekundenschnelle informieren, also aus dem Lateinischen „informare“ hergeleitet „bilden, unterrichten, in Kenntnis setzen“. Ehrlich gesagt fühle ich mich persönlich nicht unterrichtet. Ich fühle eher eine soziale Beeinflussung, wie sie die Psychologie kennt und sie beschreibt als (Quelle): „alltägliche Form der positiven Einflußnahme (Förderung, Unterstützung) und negativen Einflußnahme (Zwang, Einengung, Blockierung der Entfaltungsmöglichkeiten, Manipulation, Gehirnwäsche).“ Wobei die negative Einflussnahme in den deutschen Medien seit Jahren überwiegt. Und das ist kein gutes Zeichen.

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