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Neue Zeit

Langsam singen und feiern sie wieder

In Italien scheint nicht nur die Sonne. Man ist zurück im Leben. Irgendwie.

Sie probieren es immer noch im Fernsehen mit den Polypropylen-Gesichtern. Obwohl in Italien so gut wie alles vorbei ist, werden alte Bilder und Sequenzen eingespielt, vermischt mit vermeintlich aktuellen Nachrichten und Informationen für den gut gläubigen Stiefelbewohner. Sogar in der Werbung bedient man sich immer noch dieses Stilmittels absoluter Sicherheit und lässt nicht wenige, noch immer teils höchst traumatisierte Menschen in diesem Land, irgendwie alleine. Alleine im Auto mit Gummi im Gesicht, auf dem Fahrrad in der frischen Luft. Keine Seltenheit. Bedrückend. Ins Gesicht hängen muss man sich den Kaffeefilter offiziell nur noch im öffentlichen Nahverkehr. Warum weiß nur die Politik.

„Corona ist noch immer unter uns“, sagte mir ein Mann in einem Café im Trentino bereits Anfang Mai. „Die haben das alles nur beendet, damit ihr Touristen wieder in unser Land kommt.“ Und: „Weil das Land Geld braucht.“ Wie bei vielen anderen haben sich auch bei dem 65-jährigen die Bilder aus Bergamo so sehr in den Kopf eingebrannt (das war 2019), so dass eine Diskussion unmöglich ist. Außer irritierten Blicken und hoch gezogenen Augenbrauen bekommt man für Argumente abseits des (italienischen) Mainstreams keine weiterführende Antwort.

Heute, anderthalb Monate später, ist von dem Spuk der vergangenen über zwei Jahre kaum noch etwas zu spüren. Ja, es gibt sie noch immer, die Traumatisierten. Aber: Nicht nur auf dem Weg Richtung Padua war ich ehrlich gesagt etwas gerührt zu sehen, dass Kinder wieder Fußball spielen, sich Menschen unterhalten, sich in die Augen sehen, und dabei auch die Mimik wieder interpretieren dürfen. Irgendwie ist alles wie früher. Man trifft sich zum Mittagessen, teilt seine Meinung mit anderen in Bars und lässt abends beim Geburtstagfeiern auch gerne mal die Korken knallen. Schön zu sehen.

Argwohn bleibt

Dennoch ist etwas zurück geblieben. Vor dieser Zeit war ich begeistert von der Offenheit und Spontaneität der Menschen in diesem Land. Heute beobachten sie dich mit Argwohn und achten sehr darauf, was du sagst. An Gott glauben sie immer noch. Obwohl die Kirchen immer leerer werden, gehen einige noch immer dort hin, beten und singen ihren Lieder. Trotzdem in der Bibel geschrieben steht, dass du keine anderen Götter haben sollst, scheint sie die medial noch immer leicht köchelnde „Krone“ rund um die Uhr wie ein nicht mehr von ihnen weichender Sukkubus zu verfolgen. Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis sie die Schalter wieder komplett umlegen, sie zu einem normalen Leben zurückkehren können.

Sprit zu teuer, den Italiener nervt’s

In der Zwischenzeit ist auch das Thema Ukraine in Italien angekommen. Quasi als Nachfolge-Aufreger. Im Vergleich zu den deutschen Medien, die sich größtenteils noch immer ihrer Meinung und Einstellung sicher sind, sind die Ansichten in Italien viel heterogener. Selbst im TV werden unterschiedliche Meinungen zugelassen. Im Gegensatz zu der deutschen grünen Front haben die Italiener nämlich durchaus verstanden, dass sie sich auf Dauer keinen Sprit über 2 Euro leisten können. Denn selbst im relativ reichen Norden Italiens hat der durchschnittliche Normalverdiener halt nur 1000 bis 1400 Euro im Monat.

Die Regierung in Italien hatte frühzeitig reagiert und den Sprit subventioniert. Und dennoch steigen die Preise auch hier. Im Mai hatten wir Diesel noch für 1.85 Euro getankt. Heute liegt er bei rund 2 Euro. Die Subvention endet irgendwann im Juli. Dann werden die 30 Prozent wohl wieder drauf geschlagen. Revolution? Gut wird es auf jeden Fall nicht ausgehen, wenn dem Ganzen nicht Einhalt geboten wird.

Auf jeden Fall, und das wollte ich eigentlich mit diesem Text vermitteln: Es tut sich was in Italien. Wenngleich die Hitze (42 Grad und auch in der Nacht ist es nicht angenehmer) den Körper ein wenig verlangsamt, der Italiener ist kein Mensch der Traurigkeit. Auch die Jugend und die Kindern lachen und feiern wieder. Die Masken sind gefallen.

Nachtrag

Noch ein kleiner fader Nachgeschmack des Ganzen. Da die Touristen längere Zeit ausgeblieben waren, darf man – selbst als Italiener – für seinen Urlaub in manchen Regionen tiefer in die Tasche greifen als früher. Da gibt es keine Boni für Landsmänner, der Mammon will genährt sein. So manch einer entscheidet sich deshalb nicht für das Meer sondern für die eigenen vier Wände oder ausgedehnte Tagesausflüge. Und: Man kann auch bei Freunden und Bekannten übernachten. Da kostet das nichts.